Verehrte, geschätzte Leserinnen und Leser!
Manchmal, wenn ich so in meiner virtuell reaktivierten Schuhmacherstube sitze und das Treiben der modernen Welt betrachte, muss ich unwillkürlich an die gute alte Zeit im Leipziger Umland denken. Damals, als man mit einem Namen wie Thomas Müller oder Marie Fischer im Grunde gestraft war. Wer so hieß, der war kein Individuum, der war statistische Masse. Wenn man da im dicken, gelben Telefonbuch nach dem einen, spezifischen Müller-Thomas suchte, um ihm die frisch besohlten Stiefel anzupreisen, konnte man sich für den Rest des Tages direkt Urlaub nehmen. Man ging schlichtweg unter im Meer der Gleichnamigkeit. Ein Graus!
Doch das Blatt, das hat sich gewendet, und zwar gewaltig. Die Geister, die wir riefen, stehen heute stramm vor den Müllers dieser Welt.
Wir leben ja nun im Zeitalter der totalen digitalen Durchleuchtung. Jeder meint, jeden ausspionieren zu müssen. Der Chef googelt den Angestellten, die verflossene Liebe stalkt das Profil bei diesen neumodischen Gesichts-Büchern, und das halbe Internet will wissen, was Sie gestern zu Mittag gegessen haben. Eine schreckliche Gläsernheit ist das! Aber eben nicht für alle. Wer heute als Marie Fischer das Licht der Netzwelt erblickt, der zieht sich im selben Moment den ultimativen digitalen Tarnumhang über die Schultern.
Versuchen Sie mal, eine ganz bestimmte Marie Fischer im weltweiten Datennetz ausfindig zu machen. Viel Vergnügen! Da verzweifelt jede Suchmaschine, da kapituliert jeder Hobby-Detektiv vor den Millionen Suchergebnissen. Das ist pure Anonymität durch Massenware! Während die armen „Schantalls“, „Jadens“ und „Kevin-Princes“ dieser Republik im Netz so gläsern sind wie eine frisch geputzte Fensterscheibe, lacht sich Familie Müller-Schmidt gepflegt ins Fäustchen.
Man wird quasi unsichtbar, indem man genau so aussieht wie alle anderen. Das ist wie ein Haufen grauer Spatzen – schießen Sie da mal den einen heraus, den Sie meinen! Früher war der Allerweltsname ein Fluch, heute ist er der wahre Luxus des Datenschutzes. Wenn Sie also das nächste Mal einen Thomas Müller treffen, bedauern Sie ihn nicht. Neiden Sie ihm seine wunderbare, digitale Freiheit!
Am Ende zeigt uns das Ganze doch eins: Es lohnt sich eben manchmal, kein bunter Hund zu sein. Manchmal ist das schlichte, solide Handwerk des Unauffälligseins der größte Trumpf im Ärmel.
Ihr Karl Pfefferkorn
Mit gewohnt schmunzelnden Grüßen aus der staubfreien, virtuellen Schuhmacherstube.

Schuhmachermeister zu Großsteinberg



