Geschätzte Leserinnen und Leser,
haben Sie heute Morgen bereits vorsichtig unter Ihre Schuhsohlen geblickt? Es soll ja Zeitgenossen geben, die es für einen Gipfel der Heiterkeit halten, dem ehrbaren Nachbarn einen Klebestreifen oder gar ein fischförmiges Papierchen an den Absatz zu heften. Wir schreiben den ersten April, jenen Tag im Kalender, an dem die Wahrheit Urlaub macht und die Flunkerei Hochkonjunktur hat. Als Schuhmacher weiß ich: Ein schiefer Absatz lässt sich richten, aber ein schiefer Scherz hinterlässt oft Druckstellen an der Seele, die kein Dehnungsspray der Welt wieder glattzieht.
Man fragt sich ja beim Einstechen der Ahle, woher dieser Unfug eigentlich rührt. Die Gelehrten streiten sich darüber wie Marktfrauen in Leipzig über den Preis der letzten Gurke. Die einen sagen, es liege am Augsburger Reichstag von 1566. Da wollte man das Münzwesen ordnen, doch der entscheidende Tag wurde kurzfristig abgesagt. Wer darauf spekuliert hatte, stand da wie bestellt und nicht abgeholt – ein „Aprilnarr“ par excellence. Andere schielen nach Frankreich, wo König Karl IX. den Neujahrstag verlegte und jeder, der traditionell am ersten April weiterfeierte, als Narr verspottet wurde.
Hier bei uns in Sachsen nehmen wir die Sache ja gern mit einer Prise trockenem Humor. „Jemanden in den April schicken“ – das klingt fast so, als würde ich einen Lehrling losjagen, um beim Kollegen Schmirgelpapier aus echtem Katzenhai-Leder oder einen Eimer Gelenkschmiere für den Amboss zu holen. Es ist die einzige Zeit im Jahr, in der die Lüge nicht nur geduldet, sondern geradezu rituell geadelt wird. Ein seltsames Phänomen, nicht wahr? Den Rest des Jahres polieren wir unsere Fassaden auf Hochglanz, aber heute ziehen wir uns gegenseitig die Stiefel aus, ohne dass es jemand merkt.
Doch Vorsicht, meine Herrschaften! In Zeiten von „Fake News“ – wie man heute wohl neudeutsch im Internetz sagt – wirkt der klassische Aprilscherz fast schon wie ein Relikt aus einer ehrlicheren Ära. Früher war eine Ente in der Zeitung noch als solche zu erkennen, heute gleicht die Weltlage oft einem einzigen, schlecht sitzenden Schuh, der an allen Ecken drückt, ohne dass man drüber lachen kann.
Lassen Sie sich also heute nicht barfuß durchs Dorf treiben. Wenn Ihnen jemand erzählt, die Regierung habe eine Steuer auf Schnürsenkel eingeführt, bewahren Sie Haltung. Prüfen Sie das Leder, bevor Sie den Kaufvertrag unterschreiben. Und sollte Ihnen doch jemand einen Bären aufbinden: Lächeln Sie! Es ist immer noch besser, einmal im Jahr über einen schlechten Scherz zu stolpern, als das ganze Leben mit verkniffener Miene durch die Welt zu laufen, als hätte man zu enge Wanderschuhe an.
In diesem Sinne: Bleiben Sie standhaft, aber nicht humorlos.
Ihr Karl Pfefferkorn
Mit einem schelmischen Gruß aus der frisch gefegten Schuhmacherstube.

Schuhmachermeister zu Großsteinberg



