Geschätzte Leserinnen und Leser,
wenn man wie ich das Handwerk noch an der Ahle und am Dreifuß erlernt hat, dann kennt man eine goldene Regel: Ein guter Schuh hat zwei Aufgaben. Er muss passen, und er muss halten. Um das zu erreichen, brauchte es keine Wissenschaft mit sechzig Stellschrauben, sondern solide Arbeit, gutes Leder und einen einfachen Kippschalter – oder in meinem Fall schlicht ein Paar kräftige Hände.
Schaut man sich hingegen das moderne Sortiment unseres Alltags an, bekommt man glatt das Gefühl, man erwirbt mit jedem Haushaltsgerät die Steuerzentrale für eine kleine Raumstation. Neulich stand ich vor so einer neuartigen Kaffeemaschine. Ein Prachtstück aus Edelstahl mit einem Bildschirm, der heller leuchtet als die Straßenlaternen an der Leipziger Promenade. Das Gerät verlangte nach meinem Fingerabdruck! Es wollte die exakte Grammzahl des Kaffeemehl-Mahlgrads, die millimetergenaue Wassermenge und das Aufschäum-Verhältnis der Milch für mich persönlich im Profil „Karl“ hinterlegen. Für eine schlichte Tasse schwarzen Kaffees, wohlbemerkt. Dass man für diesen ganzen Schnickschnack den Preis eines soliden Sonntagsanzugs hinblättern darf, versteht sich von selbst. Nutzen tun es am Ende ohnehin nur die ganz pfiffigen Techniker – und das genau einmal nach dem Auspacken.
Ob Staubsauger, Waschmaschine, Nähmaschine oder der Geschirrspüler: Überall wimmelt es von fünfzig Spezialprogrammen. Hand aufs Herz, wer von Ihnen hat je das Programm „Feinwäsche für leicht verschmutzte Gardinen bei Vollmond“ verwendet? Wir drücken am Ende doch alle genau auf die eine Taste, die das Ding zum Laufen bringt. Wir kaufen quasi ein ganzes Kochbuch und brauchen stets dasselbe Rezept.
Bei den modernen Computerprogrammen verhält es sich keineswegs anders. Früher lag einer Software ein gedrucktes Handbuch bei, dick wie die Bibel und doppelt so schwer. Da wusste man noch: Jemand hat sich die Mühe gemacht, das ganze Werk zu durchdenken. Wenn man heute einen Zettel aus dem Karton zieht, ist das kein Handbuch mehr, sondern eine Tapetenrolle mit Sicherheitshinweisen in zweihundertdreiundsechzig Sprachen, die mir in juristischem Klardeutsch erklären, dass ich das Bügeleisen nicht als Toaster verwenden darf.
Wo ist die schlichte Vernunft geblieben? Ich sehne mich manchmal nach Geräten, die einfach nur ihren Job machen. Ein Werkzeug, das funktioniert, das man ohne Studium versteht und das man seinem Nachbarn in zwei einfachen Sätzen erklären kann. Ein Knopfdruck: An. Ein Knopfdruck: Aus. Dazwischen verlässliche Arbeit. Das spart nicht nur den Geldbeutel, sondern vor allem die Nerven.
Ihr Karl Pfefferkorn
Mit nachdenklichen Grüßen aus der Schuhmacherstube

Schuhmachermeister zu Großsteinberg



