Verehrte, geschätzte und gelegentlich wohl auch ein wenig zu tief betrübte Leserinnen und Leser,
haben Sie heute schon ordentlich gezetert? Saßen Sie bereits mit der Tasse Ersatzkaffee am Fenster und haben beim Anblick der aufgehenden Sonne gemurmelt: „Na warte ab, bis es regnet“? Wenn ja, dann gehören Sie zur breiten Masse jener Zeitgenossen, denen die Tagesschau nun einen gewaltigen Strich durch die Rechnung macht. Man stelle sich das Ungeheuerliche vor: Fortschritt, Mut und gelungene Projekte sollen nun die Primetime füllen. Ein Skandal! Wo bleibt da der gemütliche Schauder beim Abendbrot?
Es ist eine kuriose Beobachtung, die ich hier in meiner kleinen Werkstatt in Großsteinberg immer wieder mache. Wenn ich einem Kunden erkläre, dass seine Sohle zwar durch ist, das Oberleder aber noch zwanzig Jahre hält, blicke ich oft in enttäuschte Gesichter. Man hatte sich so schön auf den Neukauf und das Lamento über die „minderwertige Qualität von heute“ eingestellt. Die gute Nachricht wirkt hier fast wie eine persönliche Beleidigung. Wir haben uns eine regelrechte Sucht nach dem Elend herangezüchtet. Präsentiert man dem modernen Menschen einen Hoffnungsschimmer, erfolgt reflexartig das „Ja, aber…“ – jene deutsche Universalbremse, die jede Begeisterung im Keim erstickt.
Besonders amüsant finde ich ja die Attitüde der Berufs-Pessimisten. Wer alles schwarzsieht, wer den Weltuntergang bereits für den kommenden Dienstag nach dem Kaffeetrinken fest eingeplant hat, der gilt in gewissen Kreisen als „intellektuell redlich“ oder gar als „messerscharfer Realist“. Ich sage Ihnen als einfacher Schuhmacher: Das ist blanker Unfug. In Wahrheit ist dieser Dauerpessimismus nichts weiter als intellektuelle Faulheit. Es ist schrecklich bequem, sich in den Lehnstuhl zurückzulehnen und zu behaupten, dass sowieso alles vor die Hunde geht. Denn wer den Untergang prophezeit, muss selbst keinen Finger krumm machen – es lohnt sich ja angeblich nicht mehr.
Dabei ist es der weitaus mutigere Akt, an den Fortschritt zu glauben. Es erfordert Rückgrat, zwischen all den Unkenrufen aufzustehen und zu sagen: „Wir kriegen das hin.“ Das hat nichts mit rosaroter Brille oder watteweicher Realitätsverweigerung zu tun. Im Gegenteil: Ein Schuh wird nicht dadurch besser, dass ich darüber jammere, wie nass die Füße werden könnten. Er wird besser, wenn ich beherzt zur Ahle greife und das Loch flicke.
Wir brauchen keine Angst vor guten Nachrichten zu haben. Sie machen uns nicht dumm oder blind; sie geben uns erst das Werkzeug in die Hand, um die echten Probleme anzupacken. Wenn die Welt also heute ausnahmsweise mal nicht untergeht, dann nutzen Sie die gewonnene Zeit doch einfach für etwas Sinnvolles. Vielleicht putzen Sie mal wieder Ihre Stiefel? Ein gepflegter Auftritt ist nämlich der erste Schritt aus dem Morast des Jammerns.
In diesem Sinne: Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist!
Ihr Karl Pfefferkorn
Mit optimistischem Hammerschlag aus der Schuhmacherstube.

Schuhmachermeister zu Großsteinberg



