Verehrte Leserinnen, geschätzte Leser, werte Mitbürger im Strudel der bodenlosen Informationen,
haben Sie in letzter Zeit einmal innegehalten und nach dem wohligen Geschnatter der guten alten Zeitungsente gelauscht? Ich fürchte, dieses stolze Tierchen hat sich klammheimlich in die ewigen Jagdgründe verabschiedet. Als ich früher in meiner Werkstatt saß und bei einem guten Stück Kernleder das Radio oder die Morgenzeitung bemühte, da war die Welt noch in einer gewissen Ordnung – auch wenn diese Ordnung manchmal Risse hatte.
Wissen Sie, das Besondere an der Ente war ihre Exklusivität. Sie war der Ausrutscher in einer Welt des offiziellen Charakters. Wenn etwas gedruckt war, dann stand das da wie eine ordentlich genagelte Sohle: fest, verlässlich und mit einer gewissen Autorität versehen. Wenn sich dann doch einmal eine Falschmeldung einschlich, dann war das ein Ereignis! Ein kleiner Aufreger, ein Moment des kollektiven Kopfschüttelns. Man wusste, man war einer Rarität aufgesessen. Heute jedoch, wenn ich mir das digitale Treiben so ansehe, ist die Ente nicht mehr die Ausnahme, sondern sie wurde von einer Lawine aus Müll schlichtweg plattgewalzt.
Früher gab es natürlich auch Leute, die viel dummes Zeug geschwatzt haben – am Stammtisch oder über den Gartenzaun hinweg. Aber ihre Reichweite war begrenzt durch die Lautstärke ihrer Lunge oder die Anzahl der Biergläser. Man konnte nicht einfach hingehen, seine unausgegorenen Gedanken in eine Maschine tippen und erwarten, dass die ganze Welt von San Francisco bis nach Naunhof daran teilhat. Heute ist jeder ein Verleger, ohne jemals eine Druckerpresse aus der Nähe gesehen zu haben. Und was dabei herauskommt, ist oft so haltbar wie eine Sohle aus Pappe bei sächsischem Dauerregen.
Dieser moderne Unrat, den man heute so vornehm „Fake News“ nennt, hat den Reiz des Kuriosen verloren. Würde man sich heute über jede hanebüchene Behauptung echauffieren, man bekäme schneller Herzrasen, als ich einen Absatz stiften kann. Die Gesundheit dankt es einem, wenn man lernt, den Blick abzuwenden. Wir leiden nicht an einem Mangel an Information, sondern an einer Verstopfung durch Belanglosigkeiten.
Ich sage Ihnen: Man muss nicht alles lesen, nur weil es flimmert. Und man sollte erst recht nicht alles glauben. Ein guter Schuhmacher prüft das Leder, bevor er es zuschneidet. Wir sollten es mit den Nachrichten ebenso halten. Manchmal ist die beste Information diejenige, die man gar nicht erst an sich heranlässt. Gönnen Sie Ihrem Geist eine Pause vom digitalen Gezeter – eine gute Tasse Kaffee und der Blick ins Grüne sind oft wahrhaftiger als alles, was Ihnen „schwarz auf weiß“ auf dem Bildschirm erscheint.
Ihr Karl Pfefferkorn
Mit nachdenklichen Grüßen und einer Vorliebe für handfeste Wahrheiten aus der Schuhmacherstube.

Schuhmachermeister zu Großsteinberg



