Verehrte Leserinnen und Leser, geschätzte Freunde des gepflegten Wortwechsels,
haben Sie sich in letzter Zeit einmal in der Öffentlichkeit umgesehen? Man gewinnt den Eindruck, die Menschheit sei kollektiv unter die Brotsucher gegangen. Überall sieht man Zeitgenossen, die ihr flaches Taschen-Telefon waagerecht vor den Mund halten, als wäre es eine belegte Stulle, in die sie gleich herzhaft hineinbeißen wollen. Aber nein, sie essen nicht – sie produzieren „Sprachnachrichten“.
Früher, da gab es zwei saubere Wege der Kommunikation: Entweder man schrieb einen Brief oder eine Karte – da musste man seine Gedanken vorher sortieren, damit das Papier nicht zur Schmierage verkam. Oder man griff zum Hörer und führte ein Gespräch. Das hatte den Vorteil, dass man sofort merkte, ob das Gegenüber gerade eingeschlafen war oder ob man ihm mit seinen Ausführungen gewaltig auf den Geist ging.
Doch heute? Diese Sprachnachricht ist eine Ausgeburt der Bequemlichkeit, gepaart mit einer Prise Feigheit. Man ist zu faul, die Daumen auf der Glasplatte tanzen zu lassen, um einen ordentlichen Satz zu formulieren. Und man ist zu feige für ein echtes Telefonat, denn da könnte der andere ja direkt antworten oder – Gott bewahre – eine Gegenfrage stellen! Stattdessen schickt man einen minutenlangen Monolog in den Äther, eine akustische Gerümpelkammer, in der man sich erst durch Schmatzgeräusche, Straßlärm und unzählige „Ähms“ wühlen muss, um den Kern der Sache zu finden.
Und was ist mit dem Empfänger? Der steht nun da, vielleicht im gut besetzten Leipziger Hauptbahnhof, und darf sich entscheiden: Hält er sich das Gerät ans Ohr wie ein Geheimagent, wobei er die Hälfte im Lärm verpasst, oder schaltet er auf Lautsprecher und lässt das ganze Abteil daran teilhaben, dass Tante Erna wieder Probleme mit der Verdauung hat? Es ist eine Form von akustischer Nötigung, meine Damen und Herren!
Wir Schuhmacher wissen: Ein guter Stiefel braucht Struktur, sonst latscht er sich schief. Ein Gespräch braucht das auch. Diese endlosen Sprach-Epen sind wie ein ungeschnittener Lederlappen – man kann nichts damit anfangen, bis man ihn mühsam in Form gebracht hat. Wenn Sie etwas zu sagen haben, dann rufen Sie an! Und wenn es nicht so wichtig ist, dann lassen Sie die Finger von der „Sprech-Stulle“ und schreiben Sie ein kurzes, prägnantes Wort.
Das schont nicht nur die Ohren Ihrer Mitmenschen, sondern zwingt auch das eigene Gehirn wieder dazu, einen Satz zu Ende zu denken, bevor man ihn in die Welt hinausposaunt.
Ihr Karl Pfefferkorn
Schuhmachermeister und Freund des direkten Wortes

Schuhmachermeister zu Großsteinberg



