Verehrte Leserinnen und Leser, geschätzte Genießer des schwarzen Goldes,
haben Sie sich in letzter Zeit einmal in eine moderne Küche verirrt? Man glaubt ja kaum noch, dass dort gekocht wird. Es sieht eher aus wie in einem Physiksaal an der Universität Leipzig. Chromglänzende Maschinen, die zischen und fauchen, und daneben stehen diese Kästen mit bunten Aluminiumhütchen. Man nennt sie „Kapseln“. Ich nenne sie: die Kapitulation vor der Gemütlichkeit.
Erinnern Sie sich noch an die echte sächsische Kaffeestunde? Das war ein Ritus! Da wurde die Bohnenmühle zwischen die Knie geklemmt – ein ordentliches Stück Handarbeit, bei dem man das Mahlgut noch riechen konnte, bevor es überhaupt mit Wasser in Berührung kam. Dann wurde der Filter händisch aufgebrüht, Schluck für Schluck, mit einer Geduld, die heute wohl als behandlungswürdig gälte. Das ganze Haus duftete nach Geborgenheit. Man nahm sich Zeit für den Kaffee, und der Kaffee nahm sich Zeit für uns.
Und heute? Man drückt auf einen Knopf, es macht „Rrrr-Pffft“, und in drei Sekunden schießt ein Strahl tiefschwarzer Bitterkeit in die Tasse. Zack, fertig, der nächste bitte! Die Kaffeekapsel ist das Sinnbild unserer Zeit: Alles muss sofort gehen, alles ist vorportioniert, und hinterher bleibt ein Berg Metall- und Plasteschrott übrig, der wahrscheinlich noch in tausend Jahren von Archäologen ausgegraben wird, um die kulturelle Armut unserer Epoche zu beweisen.
Was mich als Handwerker aber besonders wurmt, ist diese Entmündigung des Genießers. Man kann nicht mehr selbst bestimmen, wie viel Pulver man nimmt oder wie grob man mahlt. Nein, man ist Sklave einer Kuststoffpille, die genau vorschreibt, wie der Moment zu schmecken hat. Es ist ein „Kaffee-Diktat“ im Hochglanzformat! Und der Preis? Wenn man das auf das Pfund hochrechnet, kostet der Kapsel-Kaffee so viel wie ein maßgefertigter Reitstiefel aus feinstem Juchtenleder. Man zahlt ein Vermögen für den Komfort, nicht mehr denken und nicht mehr warten zu müssen.
Dabei ist das Warten doch das Beste am Kaffee! In der Zeit, in der das Wasser durch den Filter tröpfelt, kann man ein vernünftiges Wort wechseln, einen Gedanken fassen oder einfach nur aus dem Fenster auf die Gärten von Großsteinberg schauen. Die Kapsel hingegen stiehlt uns diese fünf Minuten der Besinnung. Sie macht aus dem Genuss eine bloße Betankung.
Versuchen Sie es doch mal wieder mit der alten Kanne. Es schmeckt besser, es riecht besser, und Sie müssen kein schlechtes Gewissen wegen der Umwelt haben. Und das Beste: Man hat wieder Zeit für ein ordentliches Stück Eierschecke dazu.
Ihr Karl Pfefferkorn
Schuhmachermeister und Liebhaber der entschleunigten Kaffeekanne

Schuhmachermeister zu Großsteinberg



